Ferien in Engadin Scuol, Schweiz

Mit Gesang, Glockengeläut und Peitschenknall zeigen wir's dem Winter

Chalandamarz

Eiskalt und glasklar ist die Luft. Die Sonne lässt sich hinter den Bergen nur erahnen. Es ist der 1. März und somit Chalandamarz. Da sind sie auch schon, die ersten metallischen Töne einer Kuhglocke. Diese baumelt am Arm eines Schülers, der eiligen Schrittes Richtung Schulhaus entschwindet. Zwei Strassen weiter knallt eine Peitsche. Immer mehr Kinder in leuchtend-blauen Bauernkutten mit Halstuch und roten Zipfelmützen strömen aus den Gassen. Fröhliches Lachen ist zu hören, aufgeregte Stimmen, dazwischen Peitschenknallen und Kuhglocken. Je lauter, desto besser. Schliesslich soll der Frühling gebührend angekündigt werden.

Chalandamarz - ganz ausführlich

Chalandamarz – il firà d’uffants

Die Geschichte vom Schellenursli, dem kleinen Buben aus dem Unterengadiner Dorf Guarda, kennt in der Schweiz jedes Kind. Sie knüpft an den Chalandamarz an. Einem Brauch so alt wie die Besiedelung der Bergtäler, ein Fest, das in jedem Dorf ein wenig anders gefeiert wird. Der 1. März ist im Unterengadin wie auch im Val Müstair einer der aufregendsten Tage des Jahres – von Traditionen geprägt und von der Jugend getragen.

Von Mirjam Fassold

Eiskalt und glasklar ist die Luft, die Sonne lässt sich hinter den Bergen im Osten erst erahnen. Langsam klettern einzelne Strahlen an der Ostflanke des Piz Pisoc in den stahlblauen Himmeln. Hinter Häuserfassaden herrscht emsiges Treiben – es ist der 1. März, Chalandamarz. Das Kopfsteinpflaster der Dorfstrasse ist mit einer Schneeschicht gepolstert; nicht mehr blütenweiss, dafür kompakt – festgetrampelt und festgefahren von Winterstiefeln und Autoreifen. Und bereit, später am Tag die Schritte der feiernden Dorfjugend abzufedern. Dann, wenn es laut, lärmig und fröhlich zu und hergeht und der Chalandamarz-Umzug durchs Dorf zieht.

Da sind sie auch schon, die ersten metallischen Töne einer Kuhglocke. Diese baumelt am Arm eines Schülers, der eiligen Schrittes Richtung Schulhaus entschwindet. Zwei Strassen weiter knallt eine Peitsche. Immer mehr Kinder in leuchtend-blauen Bauernkutten mit Halstuch und roten Zipfelmützen, [NM1] strömen aus den Gassen. Fröhliches Lachen ist zu hören, aufgeregte Stimmen, dazwischen Peitschenknallen, Kuhglocken und Rätschen. Am 1. März sind alle früh auf den Beinen – die Kinder mit den vor Aufregung geröteten Wangen, die einheimischen Erwachsenen in Erinnerungen an ihre eigene Kindheit und frühere Chalandamarz-Umzüge schwelgend. Wach sind auch die Gäste, geweckt vom Knallen der Peitschen und dem Schellen der Glocken – willkommen inmitten gelebten Brauchtums.

«Überbleibsel» aus der Römerzeit
Der Chalandamarz stammt aus der Zeit, als die Römer das damalige Rätien besetzt hielten. Er wird bis heute im Engadin, Münstertal, Bergell, Puschlav, Misox, Albulatal und Oberhalbstein gepflegt. Im Julianischen Kalender war der März der erste Monat des Jahres, der 1. März somit der Neujahrstag. An diesem unterwarfen sich die Jünglinge des Dorfes dem Kommandanten und seinem Stellvertreter, behängten sich mit den grössten und prächtigsten Kuhglocken und begrüssten lautstark das neue Jahr. Gleichzeitig wurden mit diesem heidnischen Ritual die bösen Wintergeister vertrieben und die Menschen auf den Frühling vorbereitet.

Heute sind es nicht mehr die Jünglinge, sondern die Kinder, die mit Glockengeläut, Peitschenknallen und Gesang durch die Dörfer ziehen und den Frühling ankündigen. Seinen Namen verdankt der Chalandamarz dem Tag, an dem er gefeiert wird – «chalanda» steht für den ersten Tag des Monats.

Kinderchöre mit junger Dirigentin
«Chalandamarz, chaland’avrigl, laschai las vachas our d’uigl. Las vachas van culs vdels, las nuorsas culs agnels, las chavras culs usöls, las giallinas fan ils övs. La naiv svanescha e l’erba crescha», schallt es vielstimmig aus Kinderkehlen. Es ist Vormittag, die Strahlen der Märzsonne vermögen den Schnee noch nicht zu schmelzen, er knirscht unter den dicken Sohlen, einzig der Gesang wärmt die Herzen von Chor und Publikum. Die Schüler stehen beim Brunnen und besingen den Auszug der Kühe und Kälber, der Schafe und Lämmer, der Ziegen und Zicklein aus dunklen Ställen ans helle Frühlingslicht.

Zwei weitere Lieder folgen – auch diese in romanischer Sprache und den nahenden Frühling ankündigend. Einstudiert werden die Lieder in den Schulen; wo Schulverbände existieren organisieren die Lehrer Chorproben in den Dörfern – jeder Ort soll seine eigenen Chalandamarz-Lieder an die nächste Generation weitergeben. Dirigiert werden die Chalandamarz-Chöre von den ältesten Schülerinnen oder Schülern – Erwachsene, auch Lehrpersonen, sind nur als Publikum erwünscht.

Bevor die illustre Schar weiterzieht machen Mädchen in Engadiner Tracht mit einem Kässeli die Runde. Eine Spende gehört zur Chalandamarz-Tradition, sie ist gut investiertes Geld, denn das oben zitierte Lied endet mit den Worten: «Gebt Ihr uns etwas, so segne Euch Gott, und wenn Ihr uns nichts gebt, so soll euch der Wolf kahlfressen.»

Alpaufzug im März
Die Legende besagt, die Jugend habe Anfang März genug vom ewigen Schnee und wolle dem Winter den Garaus machen. Deshalb zieht die Schülerschar als Alpaufzug verkleidet von Haus zu Haus, von Platz zu Platz. Angeführt wird der Umzug von älteren Knaben, den Pfeife rauchenden Sennen, und älteren Mädchen in Engadiner Tracht. Zum Umzug gehören auch Glocken tragende «Kühe» (Schüler in blauen Sennenkutten), die Glockengrösse bestimmt den Platz im Festumzug – die mit den grössten Treicheln zuvorderst, die mit den kleinen Geissenschellen ganz hinten. Die Herde ist wie beim richtigen Alpaufzug mit Seidenblumen geschmückt. Diese «Rösas» werden in den Wochen zuvor von den Schülerinnen unter Anleitung der Handarbeitslehrerinnen oder Müttern gebastelt.

So wie einst Schellenursli
Obwohl nur in wenigen Talschaften Graubündens gefeiert, kennt den Chalandamarz die ganze Schweiz. «Schellenursli» sei Dank. Das Kinderbuch von Selina Chönz hat dem Buben aus Guarda zu nationaler Berühmtheit verholfen. Mit den Illustrationen von Alois Carigiet, dem das Haus Nr. 51 als Vorbild für das Elternhaus des kleinen Ursli gedient hatte, wurde auch Guarda selbst vielen Schweizerinnen und Schweizern ein Begriff.

Zur Erinnerung: Ursli hat für den Chalandamarz nur ein kleines Glöckchen, weswegen er von den anderen Buben gehänselt wird und beim Chalandamarz am Ende des Umzugs gehen soll. Er erinnert sich an die grosse Kuhglocke, die im Maiensäss hängt und nimmt den abenteuerlichen Weg durch den tiefen Schnee auf sich. Im Tal sorgen sich die Eltern, beim Eindunkeln sucht das ganze Dorf nach Ursli. Als dieser am nächsten Tag mit der grossen Glocke zu Hause aufkreuzt, ist die Erleichterung gross. Und weil er nun die grösste Glocke mitbringt, darf Ursli den Chalandamarz-Umzug anführen.

Als das «Schellenursli»-Buch 1945 erschien, war praktisch jede Familie zumindest im Nebenerwerb in der Landwirtschaft tätig, Kuh- oder Geissglocken fanden sich in allen Häusern. Im dritten Jahrtausend aber ist die Zahl der Bauern selbst in ländlichen Gebieten stark rückläufig. Was für die Chalandamarz-Kinder bleibt, ist die Frage, wie man sich für den Umzug eine möglichst grosse Schelle oder „Plumpa“ besorgt. Da heisst es rechtzeitig via Eltern oder Götti den Kontakt zu einem Bauern herstellen, um eine Glocke auszuleihen. Und dann eben hingehen und fragen – das Organisieren der Glocke ist für die Buben Ehrensache und verursacht genauso Herzklopfen wie die an ein Mädchen gerichtet Bitte um den Tanz oder, für einen die «Rösas» zu basteln.

Das Fest der Kinder – ein Schritt zur Selbständigkeit
Der Umzug ist nur ein Teil des Chalandamarz-Festes, das je nach Dorf zwischen einem und drei Tagen dauert. Zu den «klassischen Ingredienzien» eines Chalandamarz’ gehört neben dem Umzug auch ein Kinderball mit Musik und Tanz sowie Darbietungen der einzelnen Schulklassen. Beim Fest der Kinder stehen diese nicht nur im Mittelpunkt, sie organisieren es auch selbst. Viel Verantwortung für die Schüler, die früh zu selbständigem, verantwortungsvollem Handeln erzogen werden und nebenbei lernen sich ihren Platz in der Gemeinschaft zu erkämpfen oder sich den Gegebenheiten fügen – zum Beispiel wenn die gewünschte Rolle im Umzug aufgrund des Alters einer anderen Person zusteht.

Ftan: Chalandamarz oder Fasnacht?
Die Ausgestaltung des Chalandamarz ist so vielfältig wie die Region, in der er gefeiert wird. Jedes Dorf hat seine Eigenheiten kultiviert, es sind Feinheiten, in denen sich die Festivitäten in den einzelnen Dörfern unterscheiden. Einzige Ausnahme: Ftan. Dessen Chalandamarz gleicht einem Fasnachtsumzug und findet jeweils an einem Samstag statt. Schulbuben und männliche Jugendliche ziehen maskiert durchs Dorf und schlagen mit dürren, aufgeblasenen Schweineblasen auf Mädchen und Erwachsene ein. Ursprünglich soll das ein Fruchtbarkeitsritual gewesen sein.

«S-chüsa da capo» und «Mamma da Chalandamarz»
Einst hatte der Chalandamarz politische Bedeutung als Wahl- und Einsetzungstag von Gemeindebehörden, in Ardez ist dies bis heute so. Der Capo, wie man den Gemeindepräsidenten hier nennt, legt am 1. März mündlich Rechenschaft über das abgelaufene Jahr ab. Kurz nach Mittag verliest er im Schulhaus seine «S-chüsa da capo»; der Akt ist eingebettet in ein Programm aus Musik, Tanz und Darbietungen der Schuljugend. In Wahljahren werden zudem die Gemeindebehörden vereidigt. «Das ist seit Menschengedenken so», sagt Capo Jon Peider Strimer. Gleiches gelte für den im Anschluss von der Gemeinde offerierten Glühwein-Apéro.

An einem anderen alten Brauch hält man in Lavin fest: Der Mutter des ältesten Schulkindes wird die Ehre zu Teil «Mamma da Chalandamarz» zu sein. Laut einem Lied soll sie sechs Mittagessen für die Kinder kochen. «Heute sind es ein Mittag- und fünf Abendessen», sagt Gemeindepräsident Linard Martinelli. Denn: «Mit dem Chalandamarz beginnen die Schulferien, die häufig zum Skifahren genutzt werden.» Einzig am Sonntag nach dem Chalandamarz sind alle Schüler am Mittag im Dorf, weil der gemeinsame Kirchenbesuch am Vormittag zur Tradition gehört.

Rund 40 Schulkinder sind zu verköstigen. «Nicht am eigenen Küchentisch, man kann in die Turnhalle ausweichen», erklärt Martinelli. Auch stehe die Mamma da Chalandamarz nicht alleine am Herd: «So, wie die Schüler bei der Organisation des Chalandamarz zusammenspannen, organisieren sich auch die Eltern.» Der Capo ist optimistisch, dass es in Lavin noch lange eine «Mamma da Chalandamarz» geben wird, selbst wenn Zuzüger aus dem Unterland in jüngerer Vergangenheit aufmuckten. «Die jungen Mütter stehen hinter diesem Brauch», weiss Martinelli.

Quo vadis Chalandamarz?
Wie geht es weiter mit dem Chalandamarz? Angesichts der stetigen Abwanderung aus ländlichen Gebieten eine berechtigte Frage. Trotzdem herrscht Zuversicht, die Einheimischen scheinen ein Chalandamarz-Gen zu besitzen, wie das Beispiel von Guarda zeigt. 2003 hatte das Dorf aufgrund zu kleiner Schülerzahlen seine Schule aufgeben müssen. «In sechs aufeinanderfolgenden Jahren gab’s bei uns keine Geburten», sagt Gemeindepräsidentin Maria Morell. Als diese Jahrgänge schulpflichtig wurden, fehlten die Kinder für den Chalandamarz. «Unsere Kinder haben Unterstützung aus anderen Dörfern abgelehnt, wollten den Chalandamarz alleine durchführen», sagt Morell. Stimmlich Unterstützung beim Singen gabs dann doch, allerdings durch Kinder von Stammgästen. Heute zählt die Gemeinde mit 160 Einwohnern wieder 30 Kinder im schulpflichtigen Alter, die beim nächsten Chalandamarz 2014 in Guarda mitmarschieren und mitsingen werden.

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